Stolperstein e. V. - Verein für barrierefreies Denken und Handeln - Hildesheim
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Verein Stolperstein veröffentlicht Hildesheimer Gastronomieführer für Behinderte

Pfannkuchen barrierefrei
Rolli-Rampe vor der Tür, behindertengerechte Toilette zumindest in erreichbarer Nähe und eine Inhaberin, die die Gebärdensprache beherrscht: Das „Chocolat“ schneidet im barrrierefreien Gastronomieführer mit am besten ab. Auch Jörg „Peppi“ Petzold (hinten) und Ulf Sander vom Verein Stolperstein kehren hier gern ein.

Foto: Reinke

 

 

 

Hildesheim (rei). Wo schmeckt der Kaffee am besten, wer hat das leckerste Essen, welches Lokal bietet die gemütlichste Atmosphäre? Alles Fragen, die für Rollstuhlfahrer auf der Suche nach einer Einkehrmöglichkeit nur bedingt eine Rolle spielen. Für sie ist erst einmal wichtig: Wie komme ich durch die Eingangstür, ist der Schankraum ebenerdig und einigermaßen geräumig, gibt es eine Behinderten-Toilette? Trauriges Ergebnis einer Recherche des Vereins Stolperstein: Nur eine Handvoll Lokale in Hildesheim erfüllt die Kriterien der Barrierefreiheit. Alle anderen der insgesamt mehr als 80 befragten Gastronomie-Betriebe sind für Rollstuhlfahrer, aber auch für Gehoder Sehbehinderte und Menschen mit anderen körperlichen Beeinträchtigungen, nur bedingt zu empfehlen – einige auch überhaupt nicht.

„Allerdings sind die Auswahlkriterien je nach Art der Behinderung unterschiedlich“, sagt Ulf Sander vom Verein Stolperstein. Weil er selbst im Rollstuhl sitzt, weiß er, wie schwierig es gerade für Ortsfremde sein kann, eine geeignete Einkehrmöglichkeit zu finden. Die jetzt veröffentlichte Broschüre „Barrierefreies Hildesheim – Gastronomie“ soll das ändern. In dem 18 Seiten umfassenden Heft unter anderem bei der Tourist-Information am Marktplatz erhältlich ist, sind die Adressen von 80 Hildesheimer Restaurants, Cafés und Kneipen aufgeführt.

Besonders positiv schneidet das Café „Chocolat“ an der Schuhstraße ab. „Eine Rollstuhlrampe vor der Tür, genügend Bewegungsfläche zum Wenden im Innenraum und eine Behindertentoilette zumindest in erreichbarer Nähe – das ist schon mehr, als die meisten anderen Hildesheimer Gaststätten zu bieten haben“, betont Sinikka Passiniemi, die die Daten im Auftrag von Stolperstein recherchiert und die Broschüre grafisch gestaltet hat. Eine weitere Besonderheit, die sie auch im Gastronomie-Führer aufgelistet hat: Die Geschäftsführerin des „Chocolat“ beherrscht die Gebärdensprache. „Außerdem schmecken die Pfannkuchen super“, ergänzt Sander.

Er räumt ein, dass die Beurteilung der Barrierefreiheit immer Ermessenssache sei. „Wenn man es schlecht meint, könnte man über das gleiche Café auch sagen: Nur eine Rollstuhlrampe statt eines ebenerdigen Zugang, das Obergeschoss ist für Gehbehinderte nicht zugänglich, die Tische sind nicht unterfahrbar, statt einer eigenen Behindertentoilette gibt es nur eine öffentliche Toilette auf der gegenüberliegenden Straßenseite.“ Doch solche Kritik sei gar nicht im Sinn von Stolperstein. „Für uns zählt mehr, dass die Gaststättenbetreiber sich bemühen, Behinderten entgegenzukommen, soweit es die Räumlichkeiten eben zulassen.“ Zehn Betriebe sind in der Broschüre mit einem weißen Rollstuhlfahrersymbol als besonders behindertengerecht hervorgehoben. Darunter, vielleicht ein bisschen überraschend, auch das Knochenhauer-Amtshaus. „Bei so einem verwinkelten Fachwerkgebäude rechnet man ja nicht unbedingt damit, dass es rollstuhlgerecht sein könnte“, sagt Sander. Doch tatsächlich kann das Gebäude am Markt mit breiten Türen, großzügigem Innenraum, einem Fahrstuhl und einer Behinderten-Toilette punkten. „Außerdem ist es das nach unserem Wissen einzige Restaurant der Stadt, das eine Speisekarte in Braille-Schrift anbietet.“

Dass die Broschüre allerdings keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann, ist dem langen Recherchevorlauf geschuldet. „Das Heft war quasi am Erscheinungstag schon veraltet – so schnell ändert sich die Gastronomie-Szene in Hildesheim“, sagt Passiniemi und verweist darauf, dass zusätzliche Informationen auch auf der Homepage www.stolperstein-verein.de zu finden sind.

Rund 3000 Euro haben die 5000 Exemplare der Erstauflage gekostet – finanziert über Spenden und einige wenige Anzeigen. Der Gastronomie-Führer ist als Teil einer Broschüre-Reihe gedacht, die der Verein noch ausweiten möchte. „Zurzeit aktualisieren wir die Folge ‚Barrierefreie Arztpraxen‘, als nächstes könnte ein Kirchen-, Gärten-, Geschäfte- oder Veranstaltungsführer kommen“, erläutert Jörg Petzoldt, der zweite Vorsitzende des Vereins. Dafür sucht Stolperstein noch Sponsoren und ehrenamtliche Mitstreiter. Schließlich, betont Petzoldt, komme Barrierefreiheit letztlich allen zugute. „Auch wer nicht im Rollstuhl sitzt, hat vielleicht einen Kinderwagen dabei oder geht nach einer Verletzung eine Zeitlang an Krücken.“ Und auch die, auf die das alles nicht zutreffe, könnten zumindest eins nicht verhindern: Sie werden älter. Und werden vielleicht schon allein aus diesem Grund den Einsatz für die Barrierefreiheit zu schätzen wissen.

Stolperstein e.V. | Ulf Sander | Klappenweg 12 | 31188 Holle | Telefon: 05062/963296 | E-Mail: info@stolperstein-verein.de